Dr. Arvid Schors
Cologne Center for Advanced Studies in International History and Law (CHL)
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Forschungsprojekt
Soldaten, Besatzer, „Lucky Victims“. Deutschsprachige Emigranten in den Reihen der Alliierten, 1939-1955
Im Fokus des Habilitationsprojekts steht eine bislang wenig untersuchte Gruppe von alliierten Soldaten, die im Übergang von Krieg zu Frieden ebenso wie für die Nachkriegsordnung in Deutschland und Österreich ab 1944 eine wichtige Rolle spielten. Zehntausende dieser jungen deutschsprachigen Emigranten, geboren ab 1915 in Deutschland oder Österreich, wurden nach ihrer Vertreibung durch das nationalsozialistische Deutschland zu US-amerikanischen oder britischen Soldaten. Sie kehrten in den Uniformen der Sieger in ihre Herkunftsländer zurück, wobei sich hier ihr bemerkenswerter Rollenwandel von Verfolgten zu gefragten Akteuren mit besonderen Sprachfähigkeiten, Kenntnissen über den Kriegsgegner und die nun zu besetzenden Länder vollzog. Oft stiegen die Emigranten in dieser Sondersituation in kürzester Zeit in einflussreiche Positionen auf. In wenigen Jahren wandelten sich diese „Lucky Victims“ also von Opfern zu Akteuren, von Ohnmächtigen zu Trägern von Macht. Es handelt sich bei ihnen um eine Akteursgruppe, die wie kaum eine andere die widersprüchlichen Signaturen der beiden Hälften des 20. Jahrhunderts biographisch miteinander verbindet.
Einem kollektivbiographischen Zugriff folgend, ist das Projekt sowohl erfahrungsgeschichtlich als auch wirkungsgeschichtlich angelegt: Zum einem stehen für den Militärdienst Fragen nach dem mentalen Gepäck und Rüstzeug, den Erwartungen und Erfahrungen der Emigranten im biographischen Zeitverlauf im Mittelpunkt. Zum anderen geht es bei der Endphase des Krieges und der Besatzungszeit um ihr konkretes Handeln und den Einfluss, den sie in ihren Herkunftsländern ausübten. Nicht zuletzt machen die Emigranten es als analytische Sonde möglich, die Perspektive auf die Besatzung explizit um transnationale Dimensionen zu erweitern.
Herausgeberschaften und Publikationen
"Henry Kissinger. Ordnungsmacht und Deutungshoheit"
Henry Kissinger (1923-2023) zählt zu den einflussreichsten Außenpolitikern des 20. Jahrhunderts. Er prägte die US-Spitzendiplomatie von 1969 bis 1977 als Nationaler Sicherheitsberater und Außenminister. Zeitlebens eine polarisierende Persönlichkeit, bleibt er über seinen Tod hinaus in außenpolitischen Fragen eine Referenzgröße. Als Professor und profilierter Autor zur internationalen Politik umgibt ihn die Aura des profunden Denkers. Dieser Band nimmt Kissinger als historische Figur in den Blick, um den vielfältigen Dimensionen von „Ordnungsmacht“ und „Deutungshoheit“ in seinem Leben und Wirken nachzuspüren. Ein Schwerpunkt liegt dabei auch auf seiner Beziehung zu Europa und Deutschland – sein Geburtsland, aus dem er 1938 fliehen musste.
Mit Beiträgen von
Martin Deuerlein | Anna Karla | Barbara Keys | Holger Klitzing | Klaus Larres | Constantin M. März | Arvid Schors | Christopher Seiberlich | Daniel Stahl
"Wie schreibt man Internationale Geschichte?" (Open Access)
Welche Rolle spielt die Internationale Geschichte in der Geschichtswissenschaft? Welche neuen Perspektiven lassen sich identifizieren, welche Blindstellen lassen sich erkennen? Anhand der sechs Schlüsselkategorien »Diplomatie«, »Wirtschaft«, »Recht«, »Netzwerke«, »Familie« und »Wissen« wirft dieser Band einen frischen Blick auf eine historische Teildisziplin, die jüngst einen erheblichen Bedeutungszuwachs erfahren hat. Im Mittelpunkt steht dabei eine exemplarische Auswahl empirisch fundierter Beiträge, die jeweils anhand eines historischen Falles das 19. und das 20. Jahrhundert für die Internationale Geschichte neu vermessen. Denn diese beiden Jahrhunderte müssen – so die zentrale Annahme des Bandes – viel stärker als bisher als zusammengehörige Epoche erfasst und Forschungsdiskussionen über die Jahrhundertgrenze hinweg direkter aufeinander bezogen werden.
"Doppelter Boden"
1969 begannen mit den Strategic Arms Limitation Talks (SALT) zwischen den beiden Supermächten USA und UdSSR die ersten Verhandlungen über die Kontrolle der atomaren Vernichtungswaffen. Ihre vertraglich fixierten Ergebnisse wurden von Zeitgenossen als unzureichend und enttäuschend bezeichnet. Arvid Schors zeigt jedoch erstmals, dass nicht die formellen Ergebnisse, sondern die Verhandlungen selbst das Entscheidende waren. Zuvor galt weitgehend als ausgeschlossen, dass Verhandlungen über die ideologischen Barrieren des Kalten Kriegs hinweg über die Begrenzung der zerstörungsmächtigsten Waffensysteme der Geschichte überhaupt möglich waren. Der Autor analysiert, wie die Experten, Diplomaten und Spitzenpolitiker der Supermächte nach vielen Blockaden allmählich zueinander Vertrauen fassten und die Position der Gegenseite zu verstehen lernten. Er zeigt, wie sich Koalitionen, ja Freundschaften über die Lager hinweg herausbildeten und die Delegationen in Konflikte mit ihren eigenen Regierungen und Militärs gerieten. Zwar konnte auch auf diese Weise nicht sichergestellt werden, dass eine atomare Konfrontation ausbleiben würde. Aber sie wurde doch weniger wahrscheinlich.